00:00:01: Hallo und herzlich willkommen zu dieser neuen im Kernfolge.
00:00:04: Mein Name ist Ranghil Struss, ich bin Unternehmerin, Executive Coach und Autorin und freue mich, dass du dem Thema KI nochmal ein bisschen mehr nachgehen möchtest.
00:00:15: Denn in dieser Folge möchte ich einen Aspekt herausgreifen, den ich nach der letzten Folge, die wir aufgenommen haben, irgendwie nicht so richtig aus dem Kopf bekommen habe.
00:00:24: Und zwar habe ich mich gefragt, wer führt eigentlich in Zukunft und vor allen Dingen wie, wenn die KI mit am Tisch sitzt.
00:00:32: Ich erlebe das so häufig, dass Menschen, wenn sie zum Beispiel mit einer Schwierigkeit im Job konfrontiert werden, also sagen wir mal eine konfrontierende E-Mail von einer Mitarbeiterin bekommen oder so, dass sie sich sofort Erleichterung und Entlastung dadurch verschaffen, dass sie sich an die KI wenden.
00:00:51: Also gar nicht irgendwie selbst über die Mail nachdenken, sondern das mit der KI besprechen.
00:00:56: und da die Modelle ja darauf ausgerichtet sind, höflich zu sein und Bestätigung.
00:01:01: zu geben, haben sie dann häufig das Gefühl, so falsch kann ich ja nicht liegen, wenn selbst die KI mir das bestätigt, die ja auch immer sagt, ja genau und kann ich verstehen und so.
00:01:12: Bestätigung allerdings ist ja was ganz anderes als Verständnis und außerdem kann die KI auch in dem Moment keine Kontextbildung vornehmen und schon erst recht keine Gewissensbildung.
00:01:22: Und ich habe mich so ein bisschen gefragt, Wenn man sich jetzt überlegen würde, dass der Dialog mit der KI auf das echte Leben übertragen würde, dann hieße das ja, dass wir nur mit wohlgesonnenen Kollegen zusammen sind, die immer nur freundlichen Nicken und uns immer in irgendeiner Form recht geben.
00:01:42: Aber die Gefahr, die ich dabei sehe, und das finde ich irgendwie so ein interessantes Thema, ist, dass Konfliktfähigkeit und auch vielleicht Beziehungsfähigkeit, also alle sozialen Kompetenzen, darunter ganz schön leiden könnten.
00:01:54: Und das bedeutet, dass wir ja ganz schön doll abhängig auch vom Umfeld von den Umständen und eben nicht nur von der Technik werden, insofern, als wir so ein bisschen infantilisiert werden durch die KI.
00:02:09: Denn wenn wir mit der KI keine Reibung mehr erfahren, dann sehe ich so ein bisschen die Gefahr, dass auch Reifung auf der Strecke bleibt.
00:02:22: Und andererseits wird es aber... immer wichtiger wirklich reife Individuen zu produzieren, die dann eben auch verantwortungsvolle Aufgaben übernehmen, denn je mehr die KI Einzug erhält, desto wichtiger wird ja das Menschliche.
00:02:36: Also eine Führungskraft von morgen wird ja vor allen Dingen dann erfolgreich sein, wenn sie Emotionen wahrnehmen und halten kann, wenn sie auch Konflikte navigieren kann, wenn sie vielleicht auch mal widerstreitende Meinungen in Brainstormings stehen lassen kann, wenn sie auch versteht, dass der Funke der Wahrheit vielleicht manchmal durch den Aufprall unterschiedlicher Meinungen entsteht und wenn sie auch in der Lage ist, ihre eigene Idee von ihrem Ego zu lösen, also eben wirklich in einen Prozess der Beratung mit anderen einzusteigen.
00:03:09: Aber ich merke das ganz häufig in Workshops, die Leute haben mehr und mehr die Lust an Auseinandersetzung verloren.
00:03:18: Aber ich glaube, dass Reifung eben auch da entsteht, wo wir mit Gegenkräften in Kontakt kommen.
00:03:25: Also wo wir uns eben so auseinandersetzen müssen, dass wir eine eigene innere moralische Instanz entwickeln und eben diesen nazistischen Echo kann man so ein bisschen entkommen.
00:03:38: Also wo wir diese Sehnsucht aufgeben, immer irgendwie positiv rückversichert zu werden, sondern wo wir vielleicht auch mal Widerstände aushalten, wo wir eine Auseinandersetzung selbst gestalten, wo wir mit Konfrontation lernen, umzugehen.
00:03:57: Und das bedeutet für mich, das Reifung, also wirklich eben auch ein tiefes Verständnis von sich, von anderen und vom Leben zu haben und zu entwickeln.
00:04:09: eben nicht immer nur im Wohlfühlmodus stattfindet, sondern im echten Leben ist man eben wütend und enttäuscht, da muss man sich mal entschuldigen, da muss man irgendwie gestalten, was Beziehungen betrifft, da darf man unterschiedliche Bedürfnisse verhandeln, also da reift man in Beziehung.
00:04:28: Und zwar nicht nur in Beziehung zu anderen, sondern auch im inneren Dialog, also dass wir auch Ambivalenzen irgendwie aushalten können, dass wir auch mal die eigenen Zweiten benennen können, das ganze Ungelöste im Herzen, dass wir vielleicht uns auch mal fragen, ob bestimmtes Feedback, was uns kränkt, auch in Teilen berechtigt ist oder so.
00:04:50: Also ich habe mich so ein bisschen gefragt, okay, wie kriegt man das denn hin, dass man dieser Infantilisierung, also sozusagen dem Ausbleiben der Reifung, durchmangelnde Auseinandersetzung in der Echo-Kammer der KI, wie man aus diesem Teufelskreis irgendwie so ein bisschen rauskommt.
00:05:08: Und da habe ich mir gedacht, es wäre doch eigentlich ein spannender Impuls auch für das eigene Führungsverständnis.
00:05:14: Reibung nochmal im Zeitalter der KI.
00:05:17: KI ganz anders zu kultivieren.
00:05:20: Und ich habe das jetzt selbst eine Zeit lang gemacht und finde die Effekte davon total spannend, also erst mal sich selbst zu beobachten und dann aber auch zu merken, wie viel sicherer das dann auch in zwischenmenschlichen Konfliktsituationen macht.
00:05:34: Und um bei dem Beispiel mit der E-Mail zu bleiben, finde ich es total interessant, erst mal eine heikle Mail für sich selbst zu analysieren.
00:05:43: Also man zu gucken, okay, was löst die eigentlich in mir aus?
00:05:46: Wie stehe ich dazu?
00:05:47: Gehe ich vielleicht gleich in die Bewertung oder kann ich vielleicht auch in der Beschreibung bleiben?
00:05:53: Wie viel davon beziehe ich auf mich selbst?
00:05:56: Wie viel davon ist vielleicht auch einfach nur auf der Sachebene angesiedelt?
00:06:02: Also mal so zu gucken, kann ich nicht eine Schleife einrichten zwischen mir und der Antwort, die die KI mir gibt?
00:06:10: Weil ich glaube, dass diese Reibungsfähigkeit und damit auch die Chance auf Reifung ganz viel damit zu tun hat, wie man sich eigentlich auch selbst führen kann, also wie man auch selbst in der Lage ist, wirklich noch bewusst wahrzunehmen, zu reflektieren, auch die eigenen Emotionen zu regulieren.
00:06:27: Ich sage das deshalb, weil ich wirklich der Überzeugung bin, dass das die Führungskompetenzen von morgen sein werden, eben wirklich Verantwortung auch zu übernehmen und eigene Entscheidungen treffen zu können.
00:06:40: Also wie kann ich Reibung kultivieren?
00:06:42: Ich glaube, dass man die Reibung mit der KI sogar kultivieren kann, also dass man einfach Prompten lernt und die KI als kritischen Sparingpartner definiert.
00:06:53: Also wirklich mal zu sagen, du bist mein kritisch das Sparingpartner, bitte beleuchte die Argumente der Gegenseite aus einer wohlwollenden Perspektive oder Stell dir vor, das Gegenüber hat recht.
00:07:07: Welche Argumente könnten mich davon überzeugen?
00:07:11: Und solche kleinen Promptveränderungen vorzunehmen, verändert auf jeden Fall schon mal die innere Haltung.
00:07:17: Also der erste Punkt, eben Reibung mit der KI zu kultivieren.
00:07:20: Der zweite Punkt, den ich besonders spannend finde, ist die Alltagsarchitektur vielleicht auch ein bisschen umzubauen.
00:07:26: Also wirklich zu sagen, okay, ich heiße Irritation willkommen.
00:07:30: Ich heiße Polarisierung willkommen, solange wir auf einer menschlichen Ebene respektvoll miteinander... Das bedeutet aber auch, dass ich Zeiten und Räume aufmachen muss um mir selbst.
00:07:40: Kontakt zu ermöglichen mit mir und mit anderen, mit dir selbst, indem du vielleicht einfach mal ein Blatt Papier und Stifte nimmst und ein bisschen scribbelst mit deinen Ideen in einen Dialog einsteigst, dass du einen Erstentwurf ohne KI entwickelst, dass du vielleicht mal einen Spaziergang machst mit einem Kollegen oder einer Kollegin für einen Debrief zum Beispiel, dass es speziell KI-freie Zonen im Unternehmen gibt und dass du dich auch eine Weile mal beobachtest, wann und wie du eigentlich die KI einsetzt.
00:08:10: manchmal ist die KI in Konfliktsituationen wie so ein Schnuller, den Menschen sich nehmen, um sich selbst zu beruhigen.
00:08:17: Und das Dritte ist, dass ich glaube, dass wir Verantwortung aktiv in den menschlichen Raum zurückholen sollten, also dass wir eben nicht riskieren sollten, diese erlernte Hilflosigkeit in der Abhängigkeit von der KI zu generieren, sondern der KI vielleicht auch mal zu widersprechen und innerlich auch zu sagen, ich entscheide X. weil ich es für Verantwortbarhalte, also wirklich die Verantwortung für Entscheidungen wieder nach innen zu bringen.
00:08:46: Also, alles in allem, glaube ich, zwingt uns die KI, sich selbst dafür zu entscheiden, die weiseste Version unserer selbst zu werden, nämlich nicht den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen, sondern die Reibung zu kultivieren, um die Reifunk, die wir in Zukunft auch als maßgebliche Kompetenz brauchen, nicht zu vernachlässigen.